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Texte / Mag Karl Ramsmaier

       

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Kommentar zur Aktion T.A. 05098 - "Kristalltag"  

Erinnern ist dem Menschen zumutbar, könnte man in Abwandlung eines bekannten Satzes von Ingeborg Bachmann einen wesentlichen Teil der Arbeit von Johannes Angerbauer umschreiben.

Angerbauer konfrontiert mit seiner Kunst, bringt Menschen von heute mit den Schicksalsschlägen von damals in Verbindung. Er will Menschen in einen Prozess der Auseinandersetzung verwickeln, nicht Kunst für sie, sondern mit ihnen machen, sie an seinem Prozess beteiligen. Kein Mensch ist nur Zuschauer, sondern mitbeteiligt an der prozesshaften Entstehung seiner Kunstwerke.

 
 
   
 
   
   
   
   
     

Erinnern ist ein öffentlicher, nicht auf das Private beschränkter Prozess, dem sich der Mensch nicht entziehen kann. Erinnern und Kunst, beides ist etwas Soziales. Gerade im Raum des Öffentlichen wollen viele Menschen nicht mehr an die Schrecken des NS-Terrors erinnert werden. Gerade angesichts des Zeitabstandes und der Überschreitung der Jahrtausendgrenze braucht es Künstler wie Johannes Angerbauer, die Menschen an unerwarteten Orten und auf unerwartete Weise mit dem Holocaust konfrontieren und die ihre Kunst mit dem Humanum zu verbinden wissen, dessen wesentlicher Teil auch ein "niemals wieder" ist.

       

Nicht Kunst um der Kunst willen, sondern Kunst im sozialen Raum mit dem Ziel, Inhumanität und Ausgrenzung aufzudecken und wenigstens auf das Humane aufmerksam zu machen, in dem Bewusstsein, oft nicht viel mehr zur Humanität beitragen zu können. In diesem Sinn ist Angerbauers Kunst auch ein steter Kampf gegen die Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft. Erinnern als Kampf gegen die Gleichgültigkeit gegenüber der Inhumanität.

 

Die Schicksale von Menschen, heute wie damals, sind für Angerbauer nicht erledigt und werden möglicherweise nie erledigt sein. Immer noch leiden Familien und Menschen an dem was war, was durch den Holocaust an menschlichen Beziehungen und Zukunftsperspektiven zerstört und vernichtet wurde.

     

Mit seiner Kunstaktion T.A.02595 von 27. 4. bis 10. 5. 1995 in der Rathauspassage in Steyr/Austria mit dem Titel "noch nicht mit Erde bedeckt" gelang ihm mit genialer Originalität, auf diesen Aspekt aufmerksam zu machen.

     

Neun Türgrosse vergoldete Tafeln auf dem Fussboden gaben mit der Zeit Fotos von einem Massengrab aus dem KZ Bergen-Belsen und von einer Menschenmenge mit dem Hitlergruss auf dem Steyrer Stadtplatz frei. Beide Fotos haben einen inneren Konnex und einen Ursache-Folge-Zusammenhang. Dieser besteht darin, dass Massenbegeisterung für einen menschenverachtenden Führer Massengräber zur Folge hat. Geschichte wird oft vergoldet, die Grausamkeit zugedeckt und ganze Nationen stellen oft nur ihre kulturellen und technischen Leistungen ins Blickfeld.

     

Angerbauer gelang es bei dieser Kunstaktion im sozialen Raum, Menschen hinter diese Goldschicht der Geschichte schauen und entdecken zu lassen, dass diese Geschichte des Holocaust nicht erledigt ist, eben "noch nicht mit Erde bedeckt" ist und vielleicht auch nie sein wird. Auf sehr unkonventionelle Weise wurden hier Menschen in einem öffentlichen Verwaltungsgebäude einer kleinen Stadt mit diesem Thema konfrontiert, die sich vielleicht sonst kaum mit diesem Thema beschäftigt hätten. Der Anlass zu dieser Aktion war der 50. Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen und seiner Nebenlager, von denen eines auch in Steyr war.

     

Beschränkte sich Angerbauer 1995 noch auf die Kleinstadt Steyr, so überschritt er mit seiner Kunstaktion T.A.05098 (Anm.: Kristalltag) am 9. November 1998 anlässlich des 60. Jahrestages der so genannten "Reichskristallnacht" die Grenzen dieser Stadt und dieses Landes, indem er das Ergebnis dieses Kunstwerkes in Form einer Audiodatei in das Internet stellte und weltweit abrufbar machte.

     

Ein Foto von Herschel Grynspan, der am 7. November 1938 den dritten Botschaftssekretär Ernst von Rath erschoss, um auf das Schicksal seiner vertriebenen Eltern aufmerksam zu machen, verbarg sich auf einer mit Blattgold bedeckten Tafel, die in Sicherheitsglas gefasst war. Spuren von damaligen und heutigen Vertriebenen und Flüchtlingen auf dieser Tafel stellten die Verbindung zu Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, die in der so genannten "Reichskristallnacht" 1938 einen Höhepunkt erreichte, dar. Symbolhaft wurden in dem Haus des letzten Juden von Steyr dem Glas - ein Konnex zur "Reichskristallnacht" - zwei Schläge versetzt, um damit auf die Schicksalsschläge heutiger und damaliger Vertriebener hinzuweisen. Der Knall des zerberstenden Glases zeigt das durch den Holocaust und die vielfache Flucht heutiger Asylanten Zerbrochene an. Privater Rahmen und weltweite Veröffentlichung im Internet standen dabei in einer Spannung.

     

Diese beiden Beispiele von Kunstaktionen zeigen, wie tief schürfend sich Johannes Angerbauer bei seinen Kunstaktionen immer wieder auch mit dem Holocaust beschäftigt. Keine Spur von Oberflächlichkeit und Banalität. Wesentlich dafür sind auch seine Dokumentationen. Schicksale von Menschen sind es wert, auf diese Weise dokumentiert und öffentlich gemacht zu werden. Angerbauer gelingt es exzellent, Menschen an seinen Kunstaktionen zu beteiligen, ja noch mehr, sie selber zu Entdeckern neuer Einsichten und auch zu Künstlern zu machen.

 

Das Komitee Mauthausen Aktiv Steyr, das sich die Aufarbeitung der NS-Zeit und die Dokumentation der Schicksale der jüdischen Bürgerinnen und Bürger von Steyr zum Ziel gesetzt hat, arbeitet seit Jahren hervorragend mit dem Künstler zusammen und ist davon überzeugt, dass durch die hohe Qualität der Arbeiten von Johannes Angerbauer, in Hinblick auf Idee, Konzeption, Durchführung und Dokumentation, ein wesentlicher und wichtiger künstlerischer Beitrag zur Aufarbeitung des Holocaust geleistet wird.

       
     

Die Ergebnisse seiner Arbeit verdienen es, einem internationalen Publikum bekannt gemacht zu werden.

       
     

Steyr, 14. 08. 1999

       
     

Informationen zu Mag. Ramsmaier unter   www.mkoe-steyr.net

     

Dokumentation der Aktion "Kristalltag"  www.kristalltag.com

     

Konzept der Installation "...noch nicht mit Erde bedeckt"

       
 

Der Ursprung des Kunstwerk - reclam