Social.Gold and Gold.Social   

Texte / Günter Tolar

       

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Kommentar zur T.A.03796 - Environment in den 7 Aidshilfezentren Österreichs

Wenn Johannes Angerbauer goldene Schwellen vor die Eingänge der Aidshilfen legt, erheben sich so viele Fragen, dass ich die in diesem Zusammenhang auftauchenden Gedanken kaum zu bewältigen weiss. Dass einer, um Hilfe zu bekommen, eine goldene Schwelle überschreiten muss, scheint mir so grotesk widersprüchlich, dass ich am liebsten sofort wieder zu denken aufhören möchte. Dennoch, nicht alles, was sich nicht sogleich öffnet, muss für immer geschlossen sein. Der Zwang sei angenommen, das Denken möge beginnen.

Goldene Schwelle" als Begriff täuscht, denn "golden" ist die Schwelle ja nur bis zu dem Moment, in dem sie jemand betritt. Das Gold ist so aufgelegt, daß es schon mit einem einzigen kräftigen Auftreten abgerieben wird. Das Gold ist also der Abnützung durch Benützung, dem Verschwinden durch Kontakt preisgegeben, der Vernichtung letztendlich.

 
 
   
 
   
   
   
   
     

Die "Goldene Schwelle" vor einer Aidshilfe wird von zweierlei Menschen betreten.

 

Die einen sind die Mitarbeiter, die Helfer, die Inhaber der Hilfe. Sie kommen zur Arbeit, haben es zumeist eilig, sind fast immer beinahe zu spät dran, müssen untertags einige male weg, ebenfalls eher hastig, weil auch da sicherlich unter Zeitnot. Sie hinterlassen die "Chefspuren" auf den Goldschwellen.

     

Die anderen Betreter der Aidshilfen-Goldschwellen sind die "Kundschaften", die Hilfe brauchen, die Auskunft benötigen, Sicherheit suchen, in welche Richtung auch immer. Einer hat Angst, angesteckt zu sein, weiss es nicht, hat sich nach tage- oder wochenlangem qualvollem Überlegen endlich entschlossen, einen Test machen zu lassen. Wie geht so ein Mensch über eine goldene Schwelle? Er kommt wieder heraus, wieder über die Goldschwelle, erwartet das Testergebnis übermorgen. Übermorgen kommt er wieder, noch ängstlicher als vor zwei Tagen, ein Todesurteil erwartend, das Ausbleiben dieses Todesurteils erhoffend.

     

Wie nennen wir seine Spuren auf der goldenen Schwelle? "Angstspuren"? "Aidsspuren"? "Bedürftigenspuren"? Wird er überhaupt eine Spur hinterlassen? Menschen die Angst haben, treten leise auf, schleichen fast, wollen nicht auffallen, wollen eben keine Spuren hinterlassen, damit sie der - fiktive oder echte - Feind nicht findet. Wenn die Todesangst dann von ihm genommen ist, wird er eine Spur machen, er wird erleichtert sein und darum fester auftreten, aufrecht gehen, sein Körpergewicht voll und senkrecht in der Achse. Er hat wieder Boden unter den Füssen gewonnen - und wird Gold abreiben.

     

Allein diese Metapher zeigt, was in Angerbauers Goldplatten alles eingetreten, eingerieben, eingeschlichen ist. Der Schritt von Menschen, die an der Grenze der Ausgrenzung balancieren, diesseits und jenseits, die am Rand der Menschheit leben müssen. Ein Balanceakt, der sich aus den Extremen definiert: Heute die totale Angst, morgen die erlösende Nachricht - heute lächelnde Sicherheit, morgen die Todeskunde.

     

Die Kundschaft der Aidshilfen. Und die Helfer, die Chefs, Menschen, die sich dem Helfen verschrieben haben. Menschen, die das beruflich tun, was jeder von uns privat tun sollte.

     

Wenn man nun das "Gold" mit "Wert" gleichsetzt, dann wird von Menschen mit starkem Schritt mehr Wert vernichtet, als von Menschen, deren Schritt, aus welchem Grund auch immer, leichter, schwebender, unsicherer, ängstlicher ist. Wenn wir starkes, selbstsicheres, problemfreies Auftreten gleichsetzen mit sicherheitsprotzendem weniger Nachdenken - der Sichere ist in Sicherheit, zumindest wiegt er sich darin -, und dem Unsicheren, Problembehafteten mehr Nachdenken(-müssen) attestieren, dann würde das bedeuten, dass der Mensch, der mehr nachdenkt, weniger Werte zerstört als der selbstsicher durch das Leben trampelnde Erhabene. Ein Bild, auf dem noch viel Gold drauf ist, hat somit sehr viele Schicksale getragen, behutsame ängstliche, todesängstliche Menschen haben Wert erhalten geholfen. Angerbauers Goldplatten zeigen also dem Besucher zutiefst menschliche Bilder.

     

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch in erster Linie als soziales Wesen zu definieren ist, dessen Gewicht und Bedeutung aus einer sozialen Stellung und Lage abzuleiten sind, dann zeigen Angerbauers Bilder ein zutiefst soziales "Spiegelbild", "gestaltet" von Menschen, die Hilfe brauchen und die Hilfe geben.

 

Gedankenloses Herumtrampeln und problembeschwertes Leisetreten werden auf Angerbauers Goldplatten sinnfällig, augenscheinlich, sichtbar, anschaubar. Äusserliches Gehabe wird durchschaut, entlarvt, jedenfalls erkannt. Und wer mit dem Auge zu empfinden imstande ist, wird sich der Betroffenheit nicht entziehen können, die einen befällt, überfällt, wenn man einen starken "Fahrer" neben dem kaum sichtbaren "Kratzer", einen leichten Abrieb neben dem totalen Durchtreten mit Menschen in Verbindung zu bringen versucht, die hinein- und wieder hinausgegangen sind, über die Schwelle einer Aidshilfe.

     

Ich wünsche allen Betrachtern von Angerbauers Goldbildern die Betroffenheit, die Hilfsbereitschaft und Verständnis für "andere" auslöst.

     

Günter Tolar

       
     

war von 1969 bis 1999 Mitarbeiter des ORF. Gründer von Liberty Life und Positiv Leben

     

Homepage von Günter Tolar:  http://www.tolar.at

       
     

Konzept des Kunstprojekts in den Ö. Aidshilfen

 

Der Ursprung des Kunstwerk - reclam